Backstreet Boys

Backstreet Boys

I try to be bad, but nobody will let me.“
Nick Carter

Der Anfang der Backstreet Boys geht zurück auf das Jahr 1992. Alexander James McLean und Nicholas Carter laufen sich bei Probeaufnahmen für Werbeclips über den Weg und entdecken ihre gemeinsame Begeisterung für klassischen Soul. Kevin Richardson verlässt zur gleichen Zeit die heimische Farm in Kentucky und zieht nach Orlando. Dort will er als Gelegenheits-Fotomodell und Touristenführer in Disneyworld jobben. Die drei werden zusammengebracht von den Produzenten Johnny Wright und Louis Pearlman, dem Cousin von Art Garfunkel, bei dem das zukünftige Mitglied der Band, Howard Dorough, bereits vorgesungen hat. Kevins Cousin Brian Littrell wird noch als Fünfter aufgenommen. Dann sind die Backstreet Boys, benannt nach einem Flohmarkt in Orlando, komplett. Der Aufstieg beginnt nicht kometenhaft, sondern zäh und hart erarbeitet. Ihren Durchbruch haben die Backstreet Boys zuerst in Europa. In den Staaten werden sie lange Zeit schlicht ignoriert.

Um näher in die Geschichte der Backstreet Boys einzudringen ist die kürzlich erschienene Dokumentation Show’Em What You’re Made Of sehr zu empfehlen. Eine großartige und sehr emotionale Reportage, die den Zuschauer auf eine Zeitreise durch die letzten zwanzig Jahre schickt. Überraschenderweise gelingt es dem Film, eine breite Palette an Gefühlen abzubilden, die den Zuschauer erreichen und fesseln, auch wenn man kein Fan der Band ist. Die Lebenswege der fünf authentischen und begabten Musiker werden detailliert nachgezeichnet. Am Ende sehen wir junge Männer, die fast an ihrem Image und dem Druck des Popbusiness zerbrachen. Doch oft werden auch lustige und erfrischende Szenen eingestreut: Konzertausschnitte, kreischende Mädchen, Studiosessions, Tourbus-Klamauk. Aber das Potential der Dokumentation liegt auf den ganz nahen Momenten. Auf den intimen und bewegenden Situationen. Wenn zum Beispiel die Band das erste Mal nach vielen gemeinsamen Jahren zu der Ranch von Kevins Familie fährt. Mitten im Wald hat er seine Kindheit verbracht und er erzählt mit tränenerstickter Stimme vom Krebstod seines Vaters. Es ist eine wirklich ergreifende Szene. Man sieht dann erwachsen gewordene Jungs, die sich in den Armen liegen, und es fällt schwer, nicht gerührt zu sein. Brian leidet zur selben Zeit immens unter seinen Stimmproblemen. Er ist in Therapie, und selbst Szenen aus dem Psychologengespräch und teils fast peinliche Körperübungen werden festgehalten Die Kamera hält gnadenlos drauf. Hier merkt man die Ehrlichkeit des Films. Alexander James‘ Suchtprobleme werden genauso thematisiert wie Nickolas Carters gewalttätige Kindheit und sein Schicksal als Mobbingopfer der Schule. In der Mitte von allen steht Howie. Der unscheinbarste Typ. Er hält die Band zusammen, ist still und zurückgezogen. Nach zwei Jahrzehnten schlimmsten Pop-Erfolgs hat er keinen einzigen Skandal vorzuweisen. Die Dokumentation bietet dem Fan sowie auch dem Durchschnittszuschauer einen intensiven, extrem nahen Einblick in die Bandgeschichte einer der erfolgreichsten Boygroups aller Zeiten. Die Grausamkeit des Showbusiness und die Einsamkeit des Erfolges kann man problemlos nachvollziehen und dies liegt an der bereits erwähnten bindungslosen Offenheit aller Mitwirkenden gegenüber der Kamera und dem Auftrag dieses Zeitzeugnisses.

In den Anfangsmonaten ihrer Gründung schufteten sich die Fünf auf einer provisorischen Holzbühne in einer Garage irgendwo in Orlando ihren Arsch ab. Nach knapp einem Jahr täglichen Hardcoretrainings, Gesangsübungen, Tanz und Drill starten die Backstreet Boys Anfang 1991 eine High-School-Tournee durch die gesamten Vereinigten Staaten. Die Band kannte zu dieser Zeit niemand. Einmal, als sie in einer zumeist von schwarzen Teenager besuchten Schule auftraten, fiel die PA aus und das junge Gangsterpublikum begann, die weißen Jungs auszupfeifen und zu dissen. Spontan begann die Band alle Songs, die ihnen einfielen, a capella zu singen und dies überzeugte sogar die härtesten Jungs. Die Mädchen flippten völlig aus. Die Backstreet Boys sind eine der wenigen Boygroups, die wirklich singen können. Es existieren viele Videoclips auf YouTube, wo man dies bewundern kann. Playback ist bei ihnen die absolute Ausnahme. Meiner Meinung nach liegt die Stärke der Backstreet Boys in ihren Balladen. All I have to give ist eine ganz große Nummer. Der Text handelt von den Verletzungen eines verlassenen Mädchens, einer verletzten Seele. Die Stimme von Nicholas fragt in der ersten Strophe, wer ihr das angetan habe, und alle Jungs singen später im Chorus, dass sie nur ihre Liebe haben, um die Wunden zu heilen. Es klingt fast wie ein Eingeständnis, eine Entschuldigung. Und diese so bescheidene Sichtweise auf das stärkste der Gefühle verleiht dem Song eine magische Authentizität. Er erfüllt den Hörer mit Hoffnung und lässt den Wunsch auf Weltfrieden greifbar und real werden. Der Song ist eine Anklage gegen kalten Materialismus. Ein Appell an die Gefühle. Dem Nackten, Ehrlichen. Dem Selbst.

Das erste Geld, das die Band von ihrem Produzenten Louis Pearlman bekam, war ein Check über fünfundsiebzig Dollar für jedes Mitglied. Dies war der Beginn eines finanziellen Desasters, denn Pearlman wirtschaftete ausschließlich in seine eigene Tasche. Die Backstreet Boys absolvierten weltweit eine Show nach der anderen, doch auf ihren Konten sah es über die Jahre mager aus. Pearlmans Betrugskarriere begann jedoch lange vor den Backstreet Boys. In jungen Jahren versuchte er sich bereits als Manager in der Musikerszene, doch nach zahlreichen Misserfolgen wandte er sich kurioserweise der Luftfahrt zu. Mit Hilfe einer Lüge, der deutsche Luftfahrtunternehmer Theodor Wüllenkemper sei sein Partner, überzeugte er Investoren und gründete eine Charter-Airline. Nebenbei war er in die Vermarktung der Chippendales, in diversen Pizzerias und verrufene Massentalentveranstaltungen involviert. Doch durch seine Arline – er organisierte gelegentlich Flüge für Michael Jackson oder Madonna – kam er in Kontakt mit den New Kids on the Block. Von deren Erfolg beeindruckt, entschloss er sich, sich wieder dem Musikgeschäft zu widmen, und erschuf die Backstreet Boys. Jahrelang produzierte der singende Goldesel mächtige Gewinne, doch Anfang 2007 wurde Pearlman in den USA wegen ausbleibender Kreditrückzahlungen in Millionenhöhe verklagt. Er floh. Doch noch im selben Jahr wurde er von einem deutschen Paar auf Bali erkannt und von den indonesischen Behörden verhaftet. Kurzerhand übergab man ihn dem FBI, wenige Monate später bekam Pearlman fünfundzwanzig Jahre Gefängnis aufgebrummt.

Ich glaube, bis heute schuldet er der Band noch mehrere Millionen. Doch in der Dokumentation kommt gut zur Geltung, dass nicht das unterschlagene Geld die Jungs emotional runtergezogen hat, sondern der Fakt, in ihrer jugendlichen Naivität ausgenutzt worden zu sein. Noch heute schwärmen alle Fünf von den Partys in Pearlmans Anwesen, dem hauseigenen Kino, dem Fitnessstudio und der Figur, die Pearlman in der damaligen Zeit für sie darstellte. Mehr als ein großer Bruder. Oft Vaterfigur, doch im Geheimen nur skrupelloser Geschäftsmann. Es muss ein großer Schlag für die Band gewesen sein, als Pearlman aus dem Nichts heraus eine neue Boygroup rekrutierte: *NSYNC. Quasi eine schlechte Kopie der Backstreet Boys, auf die es nicht näher einzugehen lohnt. Außer vielleicht kurz auf den heute recht bekannten Justin Timberlake zu verweisen, der ein Mitglied dieser Gruppe war und davor in Disneys Mickey Mouse Club moderierte. Genau wie Britney Spears und Christina Aguilera Jahre vor ihm. Die Neunziger waren die finanziellen Sternstunden der Boygroups.

Ein zweiter, großartiger Track der Backstreet Boys ist I want it that way. Obwohl der Text des Liedes keinen Sinn ergibt, vermittelt keine andere Pop-Ballade eindringlicher die räumliche und seelische Trennung zweier Liebender. Der Song wurde als Single des dritten Studioalbums Millennium ausgekoppelt und erreichte in fünfundzwanzig Ländern Platz Eins der Charts. Nominiert für drei Grammys, wurde er zum Popsong des Jahres 1999 und zählt heute zu einem der Signature Songs der Band. Also Lieder einer Band, die wie bei Coca Cola jeder auf dieser Welt kennt. Als im Jahr zuvor die Backstreet Boys auf eine zweiwöchige Studiosession nach Stockholm gingen, wurde ihnen dort das Demo zu I want it that way präsentiert. Bis dahin existierte nur der Gesang des Chorus, doch die Jungs vollendeten den Track in zwei Tagen. In dieser Version wurde er knapp ein Jahr später ausgekoppelt. 2011 versuchte sogar die chinesische Regierung per Dekret, den Song von den nationalen Servern zu löschen. Irgendeine Lizenzanmeldung sei zu spät eingereicht worden. Gelingen konnte dies der KP nicht, auch sind die wahren Gründe für diese Blüte der Zensur bis heute unbekannt. Das Musikvideo zu I want it that way hat bis heute bei YouTube über 200 Millionen Viewer. Das ist eine Menge. Ich bin kein wirklicher Fan der Backstreet Boys, doch muss man ihren Status anerkennen. Nach zwanzig Jahren noch immer im Geschäft zu sein, ist eine absolute Ausnahme in diesem Fast Food Business. Außerdem haben sie einige Songs, die mich wirklich tief berühren. Zwei von ihnen habe ich erwähnt. Ich finde, Kitsch hat eine Botschaft. Und wenn er gut gemacht ist, findet man sich darin wieder. Wir alle haben eine kitschige Seite. Das ist gut so. Das ist richtig so.

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