Das Boot

Das-Boot

Heimat, deine Sterne

„Erst das Lazarett zeigt, was Krieg ist.“
Erich Maria Remarque

Das Boot ist einer der besten Filme der Kinogeschichte. Das muss an dieser Stelle einmal unmissverständlich klar gemacht werden. Es ist nicht nur der realistischste U-Boot-Film, der je gedreht wurde. Es ist auch der intensivste Kriegsfilm, den ich kenne. Im Jahre 1981 begann Wolfgang Peterson mit seiner filmischen Adaption des 2. Weltkriegsromans von Lothar-Gunther Buchheim, der 1973 im Piper Verlag veröffentlicht wurde. Darin verarbeitet der Autor seine persönlichen Erlebnisse, die er als Kriegsberichterstatter auf verschiedenen U-Booten erlebte, und anfänglich in der Kurzgeschichte „Die Eichenlaubfahrt“ niederschrieb. Bis heute wurde das Buch millionenfach verkauft und in knapp zwanzig Sprachen übersetzt. Kernstück des Romans sind Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, die sich auf Feindfahrten der Boote U 96 und U 309 zutrugen. Die Operationen finden im Herbst und Winter 1942 statt. In Petersens Verfilmung werden das karge und entbehrungsreiche Leben an Bord, die Sehnsüchte und Verzweiflung und die Todesangst der blutjungen Matrosen – heute würde man Teenager zu ihnen sagen – mehr als eindrücklich dargestellt. Die Authentizität zieht den Zuschauer in seinen Bann. Man ist an Bord, gemeinsam mit diesen jungen Männern. In der Obhut eines Kapitäns, den alle nur den Alten nennen. Unvergessen hier der junge Jürgen Prochnow, zu sehen in seiner stärksten Rolle. Ja, diesem Mann würde man überall hin folgen. Die stahlblauen Augen und die Ruhe, die der Alte ausstrahlt, vermitteln ein Urvertrauen und tiefe Sicherheit.

Das Boot ist ebenso ein Meisterstück der Kameraarbeit. Verantwortlich dafür ist Jost Vacano. Dieser nutzte Handkameras und war mit Protektoren an Ellenbogen und Knie, nebst einem Schutzhelm auf dem Kopf ausgestattet, wenn er durch das enge U-Boot kroch und einige der klaustrophobischsten Filmmomente der Kinogeschichte einfing. Wolfgang Peterson sperrte parallel dazu alle Darsteller die gesamte Drehzeit über ein, sodass die Haut ganz weiß und teigig wurde. Männer mit Vollbärten, die knapp drei Monate keine frische Luft geatmet und kein Tageslicht gesehen haben. Dazu wurden alle Schauspieler körperlich hart trainiert. Bei akrobatischen und fesselnden Sequenzen, wie zum Beispiel bei einem Angriff durch einen Kreuzer im Sinkmodus, wenn alle Männer an Bord in dieser engen Röhre aus Stahl in Richtung Bug sprinten, muten die Bewegungen fast ballettartig an. Es sind faszinierende, bis zur Perfektion eingespielte Abläufe und unerreichte Aufnahmen des Bootes, wie es durch den Atlantik schießt. Epische Bilder auf einer dunkelblau getränkten Bühne. Endlos und tief. Der Ozean. Voller Gefahr. Einer der herausragenden Momente ist die Durchquerung der Straße von Gibraltar. Jürgen Prochnow am Rande des Wahnsinns. Schreiend auf dem Aussichtsturm des Bootes. Volle Fahrt. Flankiert von britischen Bombeneinschlägen, Meerwasser schlägt ihm hart ins Gesicht. Man findet sich selbst vor dem Fernseher in den Sessel gedrückt. Völlig verschmolzen. Angstschweiß, Adrenalin. Das Blut pumpend, wie im Fieberrausch. Ja, das sind sie. Das sind die unsterblichen Sternstunden der Filmgeschichte. Wie müssen wir dankbar für diese Momente sein. Wir können von ihnen zehren und merken, dass wir in unserem Schmerz nicht alleine sind. Wenn man sich klar macht, dass der Kapitän, der KaLeu, mit seinen dreißig Jahren ältestes Besatzungsmitglied war, wird einem die Unschuld dieser jungen Menschen bewusst. An Bord ging es nicht um die Propaganda der Nationalsozialisten, Kriegsverherrlichung oder Personenkult. Die Mannschaft ist austauschbar. Jeder könnte an deren Stelle sein, egal welcher Nation. Hier wurde eine gesamte Generation missbraucht und verheizt. Von den vierzigtausend U-Boot-Männern des Zweiten Weltkriegs kehrten dreißigtausend nicht zurück.

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