Die Azteken

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Noche Triste

“Wir kommen in Frieden.”
Hernán Cortés

Die Azteken existierten zwischen dem 14. und dem frühen 16. Jahrhundert und sind eine der wenigen mesoamerikanischen Indianerkulturen, über die wir heute noch reden. Sicherlich auch wegen unserer Faszination an ihrer Grausamkeit. Die Azteken waren berüchtigt für ihre Blumenkriege. Dies waren Feldzüge, auf denen sie tausendfach Indianer anderer Stämme kidnappten, nur um sie in rauschenden Festen zu opfern. Den Gefangenen wurde auf dem Plateau einer abgeflachten Pyramide das Herz bei lebendigem Leib herausgeschnitten, der Kopf abgehackt und der Kadaver eine Treppe stalinistischen Ausmaßes hinuntergestoßen. Viele von ihnen wurden aber auch verbrannt, gehäutet oder mit Pfeilen durchbohrt. Das hing von der Gottheit ab, der das Opfer als  Blume dargeboten wurde.
Den Höhepunkt der Menschenopfer hatten die Azteken Ende des 15. Jahrhunderts erreicht. Unter den Herrschern Axayacatl und Auítzotl muss es brutal zur Sache gegangen sein. Manche Archäologen sehen in dieser Eruption der Gewalt bereits ein Anzeichen von Dekadenz, welche früher oder später zum Untergang des Aztekenreiches geführt hätte, auch ganz ohne die Spanier. Mexico City fußt heute auf den Ruinen Tenochtitlan, der damaligen Hauptstadt des Aztekenreiches. Angeführt von ihrem Gott Huitzilopochtl ließen sich die Azteken in ihren Anfängen dort nieder, kurz nachdem sie als Erfüllung ihrer Weissagung einen Adler auf einem der tausend Kakteen sahen, der eine Schlange verspeiste.
Diese mystische aztekische Ikone schmückt heute noch die Flagge Mexicos. Wenn man sich etwas ausschweifender mit der Eroberung des Aztekenreiches durch Hernan Cortez im Jahre 1519 beschäftigt, dann gibt es ein paar Punkte, die völlig unglaublich erscheinen. Allein der Fakt, dass ein zusammengewürfelter Haufen Konquistadoren in der Lage war, innerhalb weniger Jahre das Millionenvolk der Azteken zu unterwerfen, mutet bizarr an. Wenn man etwas tiefer in die Materie taucht, entdeckt man eine Zusammenkettung verhängnisvoller Ereignisse. Um deren Bedeutung zu verstehen, muss man in die Mythologie der Azteken eindringen.

Der damalige Herrscher des Indiovolkes war Moctezuma Xocoyotzin, auch Moctezuma II. genannt. Eine tragische Figur. Er deutete in religiösem Wahn die Ankunft der Spanier am 12.März 1519 im Mündungsgebiet des Tabasco als eine Prophezeiung – einen Glücksfall für sein Volk. Denn fatalerweise trafen die Spanier genau an dem Tag ein, an dem nach aztekischer Überlieferung der verschwundene Gott Quetzalcoátl zurückkehren würde, von Osten kommend. Von dort, wo die Sonne aufgeht, von der Wohnstätte der Götter.
Die Faszination der riesigen spanischen Schiffe mit ihren großen aufgeblähten Segeln, gepaart mit einer altruistischen Naivität war der Beginn der mexikanische Conquista. Anstatt Cortez ein gut aufgestelltes Heer entgegenzuschicken, wartete Moctezuma ungeduldig in seinem Palast in Tenochtitlan auf die Ankunft des Gottes. Unberührt von den Nachrichten, dass die Spanier auf ihrem Weg eine Spur der Verwüstung hinterließen und die Bevölkerung von ihren knallenden Musketen und der spanischen Kavallerie völlig entsetzt waren. Die armen Indios hatten auch noch nie ein Pferd gesehen und glaubten, der Reiter sei ein einzelnes Wesen, Mensch und Tier vereint. Die Bevölkerung des damaligen Südamerikas traf auf eine Truppe von Söldnern, die im Kampf gegen die muslimischen Mauren auf der iberischen Halbinsel verroht und blutdurstig geworden waren. Außerdem konnte Cortés für die Eroberung Tenochtitláns Verbündete unter den Einheimischen gewinnen. Größtenteils unterstützten ihn die Tlaxcalteken, die genug davon hatten, ständig als Blumen für die Götter von den Azteken massakriert zu werden.
Cortés erreichte im November 1519 mit 400 Spaniern und einigen Tausend Kriegern der Tlaxcalteken Tenochtitlán. Sie überrannten die Stadt, rissen die Macht an sich, nahmen Moctezuma als Gefangenen. Fast ein Jahr herrschten die Spanier in Tenochtitlán bis zur Noche Triste. Noche Triste – bedeutet traurige Nacht und beschreibt die Ereignisse vom 30. Juni 1520. In dieser Nacht flohen die spanischen Besatzer aus der aztekischen Hauptstadt, nachdem sie tagelang in einer der Pyramiden ausgeharrt hatten, tausenden Indios ausgesetzt, die rasend vor Wut versuchten, in das Bauwerk zu gelangen, Feuer an den Ausgängen legten, um die Spanier auszuräuchern und ihrer habhaft zu werden. Vorangegangen war ein Massaker am Tempel Mayor. Dort metzelten die Konquistadoren auf Befehl von Pedro de Alvarado alle Indios nieder, die ein Frühlingsfest feierten – ein Fest, das Cortés als Stadthalter ausdrücklich erlaubt hatte. Leider führte dieser gerade anderswo in Yukatan Krieg, sodass sein Vertreter de Alvarado in einer Überreaktion den Befehl zum Töten gab. Eine klare Fehlentscheidung.
Der eilig herbeigerufenen Cortez war nach seiner Ankunft in Tenochtitlán außer sich vor Wut, doch die Angriffe der Indios begannen. Zuerst gelang ihnen unbemerkt die Flucht aus der Tempelanlage, doch wurden sie bald entdeckt und viele Spanier und Tlaxcalteken abgeschlachtet. Aber nicht wenige ertranken auch in den Fluten, vollbeladen mit Gold. Allein 400 Tlaxcalteken mussten damals den Anteil des spanischen Königs schleppen. Es müssen damals unvorstellbare Mengen Gold im Umlauf gewesen sein. Tonnen. Kein Wunder, dass die Spanier völlig durchdrehten.

In glaubwürdigen Berichten werden Schlachten wiedergegeben, die durch eine gravierende Dysbalance in der Anzahl der Kämpfer fasziniert. Vierzig Spanier gegen achttausend Indios waren oft keine Seltenheit. Der Ausgang fand jedoch stets zu Ungunsten der Urbevölkerung des neuen Kontinents statt. Auch aus diesem Grund sticht die Noche Triste so hervor, denn es war eine der wirklich wenigen Niederlagen der Spanier in Mittelamerika. Die, die Frauen in Horden vergewaltigten, Kinder köpften und eine wahre Anarchie in den Urwald brachten.
Es gibt Berichte von ganzen Dorfgemeinschaften, die sich kollektiv aufhängten, als sie hörten, die Spanier seien im Anmarsch. Die aztekische Urbevölkerung wurde in den nächsten Jahrzehnten von den Spaniern versklavt und gezwungen, zum Katholizismus überzutreten. Tempel wurden dem Erdboden gleichgemacht und Kirchen darauf errichtet. Die Kultur der Indios wurde in aller Konsequenz ausgelöscht. Bibliotheken von fanatischen Priestern verbrannt.
Die Mehrzahl der Indios starb an den unbekannten Krankheiten, die mit den Spaniern ins Land kamen. Ganze Völker verreckten wie die Fliegen an den Pocken. Nahezu 100 Millionen Inka, Maya und Azteken lebten vor der europäischen Bereicherung auf dem amerikanischen Kontinent. Eineinhalb Jahrhunderte später waren es noch drei Millionen Menschen. Ein völlig in Vergessenheit geratener Genozid biblischen Ausmaßes

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