Pearl Jam

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TEN

The best revenge is to live on and prove yourself.
Eddie Vedder

Seit ihrem auf Epic erschienenen Debütalbum Ten im Jahre 1991 bin ich ein großer Fan von Pearl Jam. Durch ihr Video zu Jeremy, der dritten Singleauskopplung, bin ich Anfang der 90er auf sie aufmerksam geworden, welches, völlig im Kontrast zu den Idealen der Band, als Heavy Rotation auf MTV gespielt wurde. Ten ist bis heute die erfolgreichste Platte der Band und wird durchgängig als Meilenstein des Rock betrachtet. Damals, im ersten Jahr des Release, lag Ten jedoch erst einmal wie Blei in den Plattenregalen, wurde von der Öffentlichkeit ignoriert und von den Rezensenten verrissen. Aber das änderte sich. Das Video zu Jeremy gewann 1993 zwei MTV-Video-Awards, unter anderem den für das Best Video oft the Year. Bis heute hat sich Ten weltweit über zehn Millionen Mal verkauft. Dabei ist Ten das Gegenstück zu allem, was zu einem plakativen Rockzirkus gehört.
Statt Sex und Drugs findet man Songs voller Tiefe und Selbstzweifel, umfassend und im selben Atemzug persönlich zerreißend. Eddie Vedders Texte befühlen mit großer Sensibilität die Ängste tief in uns. Das Verlassenwerden, Familienbrüche, Missbrauch, sogar das Ausgeliefertsein in der Obdachlosigkeit. Die radikale Art, mit der Vedder sein Seeleninnerstes auseinanderschält, war in ihrer Intensität revolutionär. Während die Stimmung mal wütend, mal melancholisch, manchmal fast verzweifelt sein mag, ist sie jedoch nie abgezehrt oder gleichgültig. So lässt die herzbewegende schwarze Dramatik, die Vedder im epischen Black – einer meiner Lieblingssongs – in seine Stimme legt, jede halbgewalkte Post-Grunge Band zu einer peinlichen Pantomimentruppe verkümmern. Ten umweht nebenher eine Aura der absoluten Unmittelbarkeit. Es ist eine hohe Kunst, Vielschichtiges so einfach wirken zu lassen.

Das Eröffnungstrack des Albums ist Once. Eine erdige Rocknummer, die sacht und eingefadet  beginnt, um dann in einer wahren Rockhymne auszubrechen. Once ist der zweite Song der von Vedder genannten Momma-Son-Trilogie, welche mit dem dritten Song des Albums Alive beginnt und mit Footsteps endet. Leider ist Footsteps nur auf der B-Seite der Jeremy-Single zu finden. Die Story der Momma-Son-Trilogie folgt der Geschichte eines jungen Mannes, der erfährt, dass sein Vater nicht der Mann ist, mit dem seine Mutter zusammenlebte, sondern dass sein leiblicher Erzeuger vor vielen Jahren starb. In Once beschreibt Vedder, wie der Protagonist durch die Wucht dieser Offenbarung allmählich in den Wahnsinn getrieben wird und sich in einen Serienkiller verwandelt. Footsteps bildet textlich die Gefangennahme des Mörders und seine Exekution ab, ist aber wie gesagt nicht auf Ten zu finden.
Der zweite Song des Albums heißt Even Flow – ein Lied über Obdachlosigkeit. „Freezin‘ rests his head on a pillow made of concrete again“, die erste Textzeile beschreibt die Vulnerabilität des Menschen, wenn das Kissen des Schlafplatzes für die Nacht wieder nur der Zement der Stadt sein wird. Hier wird bereits stark deutlich, was Pearl Jam auch in der Zukunft neben ihrer musikalischen Virtuosität ausmacht – Empathie, reale, unbequeme Themen, Ehrlichkeit und keine nennenswerten Starallüren. Even Flow ist eine Hommage an die Menschen auf der Straße. Eine Verbeugung vor ihrem täglichen Kampf und dem Schicksal, ständig aufs Neue nach unten getreten zu werden.
Alive ist neben Jeremy einer der großen Hits der Band, auch wenn das Wort Hit nicht so recht passen mag. Zu tief ist das Thema, zu echt dargestellt. Es ist ein wirklich großer Song. Hier wird das Thema, der Moment aufgegriffen, in dem der Protagonist der Momma-Son-Trilogie von der Verschiebung seines Vaterbilds erfährt. „Son, she said, have I got a little story for you. What you thought was your daddy was nothin‘ but a.“ Und trotzig schreit Vedder der Welt entgegen, dass er lebt, immer noch. Das eigene Dasein als Protest gegen die beschneidenden Werkzeuge der Gesellschaft.

2009 erschien eine remasterte Edition des Albums, die das Original noch um einiges höher hebt. Die Aufmachung des Digipacks ist ein wahrer Genuss. Ein sensuelles Erlebnis. Akustisch ist Ten ebenfalls eine wertige Angelegenheit. Das Remastering des Originals erschlägt sich nicht in brutaler Höhenbetonung, sodass der Mix klar und fein durchgezeichnet klingt. Nie hörte sich der Background-Chor in Black prägnanter und packender an. Der Remix von Brendan O’Brien, eine Koryphäe und Kultfigur in der rockigen Mischerszene, betont die rauere und härtere Seite des Albums, ohne aufgesetzt die rebellisch traurige Stimmung zu überzeichnen.
Noch kerniger kommt die vollendende Melange zwischen Schwermut und der Kälte der Straßen herüber. Ten ist die hohe Kunst, das Vielschichtige so einfach wirken zu lassen, als wäre es nichts. So bleibt das Album auch nach fast zwei Jahrzehnten beeindruckend und verlockt zu neuen Entdeckungen.

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