RATM

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Arm the homeless  

Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.“
Che Guevara

Anfang der Neunziger explodierte in Los Angeles ein Sound, wie die Welt ihn zuvor noch nicht gehört hatte. Mit einer immensen Portion Wut im Bauch traten vier junge Musiker an, um gegen das Establishment zu wüten und die Musikwelt grundlegend zu verändern. Allein der Name der Band Rage against the machine (RATM) wirkt auch heute noch sperrig, unbequem, und passte damals überhaupt nicht in die sterbende Metal Szene Kaliforniens. Doch das sich RATM mit ihren explosiven Klängen an die Speerspitze des Rock spielen würden, war jedem klar, der auf MTV zum ersten Mal das Video zu Killing in the Name gesehen hat. Was war das? Man saß fassungslos vorm Fernseher. Schockiert, verstört, aber sofort angefixt. Eine Combo aus den Staaten. Jung, frisch, mit einer derart überdrehten Spielfreude, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her. Hier wurden Schubladen endgültig zerschlagen. Neues Terrain betreten. Noch nie hatte ich einen Frontman auf der Bühne dermaßen explodieren sehen. Zack De La Rocha. Dieser Typ meinte es ernst. Wütendende Raps, voller Anklage gegen den Kapitalismus und die imperialistische Politik der Vereinigten Staaten. Soziale Nöte, das Schicksal der Working Poor, Arbeitnehmerrechte, die EZLN in Mexico, Aids in Afrika, Tibet, die Black Panther, Martin Luther King und natürlich das frühe Wahrzeichen der Band, Ernesto Che Guevara, sind nur eine spärliche Aufzählung der politischen Themen, die Zack in seinen Lyrics bearbeitete. Die politische Agenda der Band ist lang und fundiert. Hier wird nicht gelabert, sondern gesagt, wo es lang geht. Tom Morellos hypnotisierendes Gitarrenspiel und die geballte Power der Rhythmusfraktion, bestehend aus Brad Wilk an den Drums und Tim Commerford am Bass, müssen den Vergleich mit einem Faustschlag ins Gesicht nicht scheuen. Hier wird ein enormer Druck transportiert, nebst einer Aura ansteckender Aggressivität. Wenn es an der Zeit ist, irgendetwas kaputtzuschlagen, den Klassenkampf auszurufen oder eine neue Weltrevolution zu starten, dann ist dies der Soundtrack dazu. Das musikalische Mündungsfeuer einer Propagandamaschinerie. Links und radikal. Brennend wie ein Molotowcocktail.

Alles begann mit dem selbst produzierten Demotape American Composite, das im Dezember 1991 veröffentlich wurde und sich innerhalb kürzester Zeit im Raum Los Angeles über 5000-mal verkaufte. Zuvor noch in anderen Musikprojekten unterwegs, Zack de la Rocha als Gitarrist von Hardstance und Sänger von Inside Out, einer in der damaligen Hardcore Szene ziemlich bekannten Größe; Tom Morello als Gitarrist von Lock up, einer obskuren Funkband aus L.A., fanden RATM musikalisch schnell zusammen. Innerhalb von fünf Monaten entstanden die Songs, die etwas später auf dem selbsternannten Debütalbum erscheinen sollten. Anfangs noch als Support für größere Acts, konnten sie in kürzester Zeit mit ihrem irren Mix aus Hardcore, Hip Hop und Metal, kombiniert mit ihrer linksextremen Propaganda, die größten Clubs füllen. Das Demotape ermöglichte zudem der Band einen Deal mit Sony, was ihnen von einigen Fans ziemlichen Argwohn einbrachte. Nichtsdestotrotz veröffentlichten RATM am 3. November 1992 ihr legendäres selbsternanntes Debüt (Epic Records/Sony BMG). Tracks wie »Killing In The Name«, »Bullet in the head« und „Know your enemy“ sind nur einige Hymnen, die benannt werden müssen. Das Album ist auch heute, nach mehr als zwanzig Jahren, eine künstlerische Offenbarung. Eine Granate, die nicht aufhört zu explodieren. Hier spielt die Kaderebene des Rap Metal Regimes. Unvergessen sind die stimmlichen Ausbrüche Zack de la Rochas, Höhepunkt das Wort “Suicide” im vierten Track des Albums “Settle for nothing”. Wie sich jemand derartig gehen lassen kann, ist mir nicht klar. Aus Zack bricht es einfach heraus: SUIZIDE!!! Und man meint, hier stehe wirklich ein Mann, zerschlagen von der Gesellschaft. Der Fluch eines Ausgestoßenen. Über Jahrhunderte misshandelt. Die ganze Welt umschreiend. Ja, es läuft einem buchstäblich kalt den Rücken hinunter und es zeigt sich erneut, dass die Verdienste RATM für die Musikgeschichte und die politisch musikalische Gegenkultur der neunziger Jahre unbestritten sind.

Es spricht für den authentischen Drive der Band, dass sie trotz Megadeals und Millionen verkaufter Platten nie an Glaubwürdigkeit verloren haben. Man nahm ihnen immer alles ab. Gemixt wurde die Scheibe von Andy Wallace, wobei Bob Ludwig, der unter anderem schon mit Queen, Nirvana, Jimmy Hendrix und The Who zusammengearbeitet hatte, das finale Mastering übernahm. Bis heute gilt die Produktion als ein Meilenstein des Sound Engineering. Das Album ist für seine hohe Produktionsqualität bekannt. Einige Audio-Seiten und Magazine testen, insbesondere mit dem Stück „Take the Power Back“, sogar neue Verstärker und Boxen. Der gemeinsame Punch des Basses und der Bassdrum zu Beginn des Songs ist mächtig, satt und vollendet. Hier wird wieder klar, wie wichtig Produktion und Mix sind und dass die Typen hinter den Reglern die halbe Miete ausmachen.

Wenn man sich näher mit RATM beschäftigen möchte oder muss, so kommt man an der bereits erwähnten innovativen und virtuosen Spielweise Tom Morellos nicht vorbei. Man muss sich bewusst werden, dass es ohne ihn nicht die Bandbreite von Bewunderern der Band gäbe. Metal Heads, Hip Hopper, Emos, Grunger, selbst Klassikliebhaber kommen bei RATM auf ihre Kosten. Beim Gitarrensolo in „Killing In The Name“ –mehr wurde von MTV nicht zugelassen, später kam jedoch noch das Video zu „Freedom“ hinzu – wird klar: Hier ist ein Mann am Werk, der mit seinem Instrument eine Vision verfolgt, der alle Konventionalität abgelegt hat. Mit Hilfe des Whammy Pedals erzeugt er einen Sound, der an einen Zahnarztbohrer erinnert. Thomas Babtist Morello kam am 30. Mai 1964 in Harlem, New York als Sohn von Mary Morello, Begründerin von Parents For Rock and Rap, und des kenianischen Guerilla-Kämpfers und Revolutionärs Ngethe Njoroge auf die Welt. Sein Vater kämpfe in den Fünfzigern in den Reihen der Mau Mau gegen die Herrschaft der weißen Siedler und der Kolonialmacht Großbritannien. Tom Morello ist ebenfalls der Großneffe von Jomo Kenyatta, dem ersten gewählten Präsident Kenias. Während seines Studiums der Politikwissenschaften in Harvard verbrachte er Tage und Nächte mit seinem Instrument und zog 1986, nachdem er seinen Abschluss gemacht hatte, nach Los Angeles, wo er sich einer Band namens Electric Sheep anschloss. 1988 spielte er dann bei Lock Up, mit denen er auch sein erstes Album „Something Bitchin‘ This Way Comes“ im Juli 1989 veröffentlichte. Kurz danach gründete sich RATM. Die Mitglieder hatten sich auf einer Jamsession des Lock Up Drummers Jon Knox kennengelernt und sich kurz danach formiert. Der Rest ist Geschichte.

Als Gitarrist kommt Morello eigentlich aus einer Zeit, in der das „Shredding“ noch eine bewundernswerte Tugend war: Irre Arpeggien und Läufe in Überschallgeschwindigkeit, quer durch die tonalen Gegebenheiten. Morellos Liebe zur Rockmusik wurde stark durch Bands wie Kiss, Iron Maiden, Led Zeppelin und Black Sabbath geprägt. Er scheint die simplen, aber ungeheuerlich effektiven Riffs verinnerlicht zu haben. Blues-Pentatoniken ziehen sich quer durch die Riffs. Erdig, aber fresh und ungemein effektiv. Aber auch die DJ-Sounds übten einen ungemeinen Einfluss auf Morellos Stil aus. Er adaptierte das Vinyl-Scratching auf sechs Saiten, setzte auf Rhythmik, Akzentuierung und Sound-Manipulationen. Ein charakteristischer Effekt bei Morellos Spiel ist der Einsatz des Toggle-Kill-Switch, der bei Gitarren mit Les-Paul-Schaltung das Signal der Gitarre ein- und ausschaltet. Des Weiteren erzeugt er mit einem der Bühnenlautsprecher eine Rückkopplung, die er umfangreich für seine Soloeffekte nutzt. Und genau diese Melange, gepaart mit einer Riesenportion Ehrgeiz – Morello übte in Harvard oft acht Stunden pro Tag –, führen zu pumpenden Rock Riffs und völlig abgedrehten Geräuschen, die nicht einmal mehr ansatzweise an eine Gitarre erinnern. Tom Morellos bekannteste Gitarre ist die hellblaue “Arm the Homless”. Ein Stratocaster-Body und Kramer-Hals, die er sich in L.A. irgendwo einmal hat anfertigen lassen. Nie zufrieden, bastelte er jahrelang daran herum, sodass schlussendlich ein wahres Unikat daraus wurde. Er klebte vier große Nilpferd-Sticker auf den Body – jaa Nilpferde – schrieb mit schwarzem und rotem Edding Arm the Homeless darauf. Als Amp nutzt Tom Morello ein Marshall JCM 800 2205, 50-Watt Topteil, kombiniert mit einer Peavey 4×12 Straight-Front Box. Morello ist bekannt dafür, aus wenigen Effekten alles heraus zu holen. Ich rechne ihm hoch an, dass er kein Multieffekttyp ist, sondern seine “Tretminen”, oldschool aneinander gereiht vor sich stehen hat, und das sind nicht viele. Tom Morello benutzt für seinen unverkennbaren Sound lediglich ein BOSS TR-2 Tremolo, ein Jim Dunlop Original Crybaby WahWah, das für seinen Style legendäre Digitech WH-1 Whammy Boss, ein DD-2 Delay, einen DOD FX40B 7 Band Graphic Equalizer und den MXR Phase 90 Ibanez DFL Flanger.

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